

My Beginning and My End (Mein Anfang und mein Ende)
6 Tracks56 MIN2019
Le Chant du Monde – Harmonia Mundi / The Metropolitan Museum of Art
Die dreizehnte CD der Sammlung Le Chant du Monde bietet einen seltenen Einblick in Ostads vielfältiges Repertoire, weil sie Stücke enthält, die auf der einzigartigen fünfsaitigen Tanbur sowie auf Setār und Tār gespielt werden. Im Metropolitan Museum of Art, wo man im Rahmen einer Ausstellung Ostad Elahis musikalisches Erbe feierte, sind aktuell einige seiner wertvollen Instrumente in der ständigen Sammlung ausgestellt, und diese und eine weitere neue CD wurden zusammen in einer Gedenkbox herausgegeben.
Yā Shāh To Bā Man Bāshī
Dieses Stück wurde im Haus Ostad Elahis aufgenommen. Nachdem er angefangen hat zu spielen, wird sanft ein Mikrofon vor seinen Tanbur gestellt. Er spielt weiter, völlig versunken im intimen Dialog mit seinem Schöpfer.
Ein Auszug aus diesem Stück namens Wālā wītāna wurde auf der CD Celestial Harmonies (Track 2) und auf der Doppel-CD (CD 2: „Reverence“, Track 2) veröffentlicht, die dem Buch The Sacred Lute: The Art of Ostad Elahi beiliegt, das anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Metropolitan Museum of Art erschien. Hier wurde das gesamte Stück verfügbar gemacht, um seine vollständige spirituelle Bedeutung wiederherzustellen. Die auf dem fünfsaitigen Tanbur gespielte Melodie entwickelt sich sehr subtil: Der Wechsel zwischen hohen und tiefen Tönen lässt eine regelrechte Konversation, einen musikalischen Dialog entstehen. Seine linke Hand spielt kräftig, seinen rechten Zeigefinger verwendet Ostad Elahi als würde er die Setār spielen1 und schlägt die Saiten so an, dass der Klang des Instruments deutlich verstärkt wird2. Obwohl sich der Rhythmus im Laufe des Stücks häufig verändert, entsteht keine Pause.
Die Melodie der folgenden Passage wurde von Ostad Elahi basierend auf Versen von Pīr Razbār arrangiert. Pīr Razbār, die einzige Frau mit dem spirituellen Rang eines Erzengels in der kurdischen Ahl-e Haqq-Tradition, ist eine hoch verehrte Heilige, die im 14. Jahrhundert lebte. Als Mutter von Soltān Eshāq, ihrem spirituellen Pol, war sie ihm vollkommen ergeben.
Das Gedicht beginnt mit dem Vers „Wa(Cha) manzelgātān kām djā djītāna“. Das bedeutet in etwa „wo und wie wünschst du dir deine Heimstatt?“. Ostad Elahi interpretierte diesen Vers folgendermaßen: An welchem Punkt unserer Reise möchtest du anhalten? Bei der Opulenz dieser Welt? Bei den reichen Segen des Paradieses? Der Zweck dieses Pfades (der dir offenbar wird) ist, dass du die Wahrheit/Gott findest. Wenn du bei der Wahrheit angekommen bist, wird sich alles aufklären; du wirst alles wissen.
Der zweite Vers lautet „Eshq-e Haqq wa sar sheet-e wītāna“. Das bedeutet „Trage den Wahnsinn der Liebe zur Wahrheit in deinem Herzen und dein Herz soll mit Liebe zu Gott erfüllt sein!“. Ostad Elahi sagt dazu Folgendes: Hat eine Person alle spirituellen Stufen durchlaufen, erblüht die Liebe der Wahrheit/Gottes im Herzen dieser Person. Wenn man einen Zustand erreicht, in dem alle Genüsse dieser Welt kein Genuss mehr sind, ist man grenzenlos der Wahrheit verfallen, so wie Mansūr3, der sagte „Ich bin die Wahrheit!“, oder Zacharias4, der unter der Folter lachte, oder Hoseyn5, der bei seiner Enthauptung ein Lächeln auf den Lippen hatte. In diesem Zustand sind der Körper und die Welt bedeutungslos. Von hier gelangt man in einen Zustand der Verzückung, in dem man ausschließlich Gott/die Wahrheit sieht und bereit ist, von Gott in das Reich der Vollkommenheit transportiert zu werden.
Wa(Cha) manzelgātān kām djā djītāna
Eshq-e Haqq wa sar sheet-e wītāna
Wa(Cha) manzelgātān kām djā djītāna
Rāy Haqq rāsīan rāsī rītāna
Ya shart-e eqrār shart-e shātāna
Bāqī ākherat manzelgātāna
Ya dām-e balā ya balātāna
Eshq-e Haqq wa sar sheet-e wītāna
Dīn-e āshekār bar malātāna
Eshq-e Haqq wa sar sheet-e wītāna
Wa(Cha) manzelgātān kām djā djītāna
Wo und wie wünschst du dir deine Heimstatt?
Der Pfad der Wahrheit ist Rechtschaffenheit, Rechtschaffenheit ist der Pfad
Wo und wie wünschst du dir deine Heimstatt?
Dies ist der Pakt der Akzeptanz, dies ist der Pakt
Die Falle des Schmerzes, den wir auf dieser Welt erfahren, ist ein notwendiges Übel
Trage den Wahnsinn der Liebe zur Wahrheit in deinem Herzen und dein Herz soll mit Liebe zu Gott erfüllt sein!
Es ist der offensichtliche Pfad, der dir jetzt offenbar wird
Trage den Wahnsinn der Liebe zur Wahrheit in deinem Herzen und dein Herz soll mit Liebe zu Gott erfüllt sein!
Wo und wie wünschst du dir deine Heimstatt?
Trage den Wahnsinn der Liebe zur Wahrheit in deinem Herzen und dein Herz soll mit Liebe zu Gott erfüllt sein!
Auf diesen Gesang folgt ein Bittgebet, von dem Ostad Elahi sehr angetan war. Die Melodie ist von Mansūrī inspiriert, einem archetypischen persischen Melodietypus (Gūshe). Der gesungene Text ist ein Gedicht zu Ehren von Shāh Khoshīn6 von einem seiner spirituellen Gefährten, der seine grenzenlose Liebe für das Göttliche vermittelt:
Az avval to būdī yā dīn yā dīn Ali Ali Ali Hū Hū
Ākheram to bāshī
Az qatre-ye āb-e, Az qatre-ye āb-e manī ey dīn Ali Ali
Manat kardī naqqāshī yā Mowlām yā Mowlām
Bā behesht o dūzakhat hey Mowlām kārī nadāram
Omīdvāram yā Ali to bā man bāshī Ali
Von Anbeginn an warst Du,
Am Ende wirst auch nur Du sein
Du, o Allmächtiger, mein Glaube, mein Atem!
Du, o Allmächtiger, mein Glaube, mein Atem!
Du formtest mich aus einem Tropfen
O mein Herr!
Dein Himmel oder Deine Hölle bewegen mich nicht
Ich hoffe, o Allmächtiger,
Dass Du immer bei mir sein wirst, Du!
Auf diese Passage folgt Mobārak Bādā (zweite Version, Celestial Harmonies, Tracks 1 und 2). Sowohl Farbe als auch Stimmung ändern sich, der Ton wird nostalgischer. Eine Reihe von Themen verbinden sich, es entsteht eine reiche Polyphonie voller Harmonien, Nuancen und rhythmischer Veränderungen. Bei dieser Suite handelt es sich um eine Art Zang-e shotorī – ein melodiöses, sanftes und heiteres Stück, dessen leichtes Schwingen an die klingenden Glocken einer dahinziehenden Karawane erinnert.7
1 Die persische Setār ist ein klassisches, dreisaitiges Instrument aus der Klasse der Langhalslauten.2 Ostad Elahi spielte die persische Setār auf seine eigene Art und Weise: gelegentlich zupfte er die Saiten „rückwärts“, also von oben nach unten, um zu akzentuieren. Weiterführende Informationen finden sich in Jean During, The Spirit of Sounds: The Unique Art of Ostad Elahi (Cranbury, NJ: Cornwall Books, 2003).3 Mansūr Hallāj (gest. 922), ein im Osten gefeierter Märtyrer, der getötet wurde, nachdem er in einem Moment der Ekstase und mystischen Einheit verkündete: „Ich bin die Wahrheit.“4 Zacharias, der Vater von Johannes dem Täufer, wurde fälschlicherweise einer Straftat bezichtigt und in zwei Hälften zersägt.5 Hoseyn (626–680), der Enkel des Propheten Muhammad und dritter Imam der Zwölfer-Schia, wurde in Karbalā zum Märtyrer.6 Shāh Khoshīn, ein bedeutender kurdischer Heiliger des 11. Jahrhunderts, erhob den Tanbur zu einem heiligen Instrument.7 Zang-e Shotorī („Kamelglocken“) ist eine Melodie, die von der Bewegung einer Kamelkarawane inspiriert wurde. Der Legende nach passte Ali (ein bedeutender Heiliger der Schia-Tradition und Schwiegersohn des Propheten Muhammad) den Klang der Glocken an seinen Kamelen (Zang-e Shotor) so an, dass eine Melodie entstand, die die Kamele antrieb.
Trackliste
Yā Shāh To Bā Man Bāshī
My Beginning and My End (Mein Anfang und mein Ende)
Yā Shāh To Bā Man Bāshī
My Beginning and My End (Mein Anfang und mein Ende)